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Zweitwohnsitz, Ulrichen
Ulrichen

Kategorie:
Wohnen (bis 2 Wohneinheiten)
Fertigstellung:
2017
Gebäudeanzahl:
1
Stockwerke:
3
Anzahl Wohnungen:
1
Geschossfläche:
10'514 m²
Gebäudevolumen:
335 m³

Wohnen im Nutzbau

Das Architekturbüro Aviolat Chaperon Escobar hat in der Walliser Gemeide Ulrichen einen bald 300 Jahre alten Heustadel zu einer Wohnung umgebaut. Dabei haben die Architekten den Charakter und die Hülle des denkmalgeschützten Gebäudes erhalten.

Ulrichen ist ein kleiner Ort in der Gemeinde Obergoms am Fusse des Nufenen- und Griespasses im Oberwallis. Als Skigebiet für die nordischen Kombinierer verdankt er seine Bekanntheit unter anderem durch seine FIS-Loipen und der Sonnenloipe, die Obergesteln und Münster verbindet. Hier beginnt auch die Geschichte des Umbaus eines Heustadels, der sich im Besitz eines Freiburger Zimmermanns befindet. Der architektonische Ansatz des jungen Freiburger Büros «Aviolat Chaperon Escobar» basiert auf der Erforschung dessen, was es als «Grundlagen» bezeichnet: Volumen, Raum, Konstruktion und Materie. Dazu sagt Alexandre Aviolat: «Die Herausforderung eines jeden Umbaus besteht einerseits in der Funktionsänderung,
andererseits darin, Räume, die ausschliesslich für einen bestimmten Nutzungszweck konzipiert wurden, neu zu gestalten und dabei ein entsprechendes Ambiente zu schaffen.»

Verschachtelteräume
Der Heustadel wurde im Jahr 1725 erbaut und befindet sich in einem Schutzgebiet, für das besondere Auflagen gelten. So mussten Bauherr und Architekten den Charakter des Gebäudes erhalten. Das neun Meter hohe Gebäude steht auf einer Grundfläche von etwa zwanzig Quadratmetern. Die Architekten wollten insbesondere die Vertikalität des Ortes unterstreichen. Dies erreichten sie, indem die drei Ebenen des Gebäudes ineinander verschachtelten. Von Norden her gelangt man über ein paar Stufen zum Eingang der Unterkunft unterhalb des auskragenden oberen Teils des Gebäudes. Über eine Ganzglasschiebetür, die beim Öffnen vollständig in die Wand verschwindet, kommt man direkt in eine grosse Wohnküche, welche sich über das gesamte obere Erdgeschoss erstreckt. Vis à vis von der Eingangstüre befindet sich in denselben Dimensionen eine Fensteröffnung, die den Blick auf die Nachbarschaft und den gegenüberliegenden Talhang freigibt. Das von oben durch das Dachfenster eintretende Tageslicht verleiht dem hohen, loftähnlichen Raum einen weichen Charakter und lässt bereits die nächste Ebene erahnen. Hinter dem Küchenblock führt eine steile Spartreppe zu einem Gästeschlafzimmer im unteren Erdgeschoss und zu zwei Schlafzimmern im oberen Stockwerk. Die grosse Fensteröffnung des Gästezimmers ist auch als zweiflügelige Schiebetür ausgeführt. In jedem Raum ist jede Ecke und jeder Winkel bestmöglich genutzt, ähnlich wie in einer Schiffskajüte.

Konstruktive Ehrlichkeit
Trotz seiner Blockbauweise waren die Aussenwände des Stadels nicht stabil genug, um die Statik des Gebäudes unter der neuen Nutzung zu gewährleisten. Da das Bauwerk und seine tektonische Struktur unter Denkmalschutz stehen, bestand der architektonische Eingriff darin, ein «Haus im Haus» zu bauen. Eine selbsttragende und mit Glaswolle gedämmte Ständerkonstruktion bildet die Tragstruktur des neuen Baukörpers. Ein einfacher Windschutz trennt die Bohlen vom neuen Skelett des Hauses. Die komplette Innenverkleidung und die Möbel bestehen aus Dreischichtplatten aus Nadelholz und wurden vom Bauherrn selbst gebaut.
Aufgrund ihres Gewichtes musste die Blockkonstruktion unterfangen werden: die Bruchsteine der Grundmauer wurden durch Betonfundamente ersetzt und betonen wie beiläufig den neuen Ausdruck und die einfache Bauweise. Die neue Dachstruktur ist mit Schindeln gedeckt, welche typisch für diese Art landwirtschaftlicher Gebäude sind, ähnlich den aus ausgehöhlten Baumstämmen gefertigten Dachrinnen.

Funktionaler Pragmatismus
Das Gebäude eröffnet einen interessanten Dialog zwischen Neu und Alt. Während die neue Tragstruktur einen Dialog mit der bestehenden Gebäudehülle eingeht – sichtbar an deren Durchbrüchen, welche die neue Raumaufteilung im Inneren strukturieren – formen die Ansprüche an die Räumlichkeiten und deren Ausgestaltung durch den Bauherren den ruralen Charakter. Im Eingangsbereich befindet sich ein Flurmöbel mit einem von aussen zugänglichem Fach für Skier. Es ist eine praktische, aber auch liebevolle Reminiszenz an den Holzvorrat, der einst vor dem Wetter geschützt gelagert wurde. Die neu geschaffenen kleinen Fenster in den beiden Räumen der oberen Ebene stehen ebenfalls für eine neue Interpretation
des ursprünglich geschlossenen architektonischen Ausdrucks des Stadels. Dasselbe gilt für die Küche mit doppelter Deckenhöhe. Es ist ein Verweis auf die vertikale Organisation des Heutrocknungsprozesses und ist zweifellos eine bedachte architektonische Geste. Auch im Küchenbereich galt das Augenmerk der bestmöglichen Ausnutzung des Raumes. Durch ein Fallschutznetz ist die obere Ebene begehbar. Dieser Dialog zwischen Bestand und Nutzung lotet so manche Grenzen aus – davon zeugt zum Beispiel der kleine Balkon, der die Küche nach Süden hin verlängert. Er wurde in traditioneller Einbauweise erstellt und wird durch die auskragende obere Ebene geschützt, wobei die Lichte von 1,60 Meter nicht ausreicht, um aufrecht zu stehen. Wenn auch nicht gerade bequem, so ist er doch ein Ausdruck der Besonderheit dieses Umbaus.

Besondere Atmosphäre
Charakteristisch für die Projekte des Architekturbüros Aviolat Chaperon Escobar ist, dass sie durch die Erhaltung ganz spezifischer, lokaler Details den Geist des Ortes offenbaren. Im umgenutzten Stadel erinnern manche Details an die Alpenregion wie die traditionellen Fliesen in der Duschkabine, die Sichtblenden vor den Heizkörpernischen sowie die fast 100 Jahre alten Waschbecken, die aus alten Walliser Bergbauten stammen. Mitunter spielen auch rein architektonische Gründe eine Rolle, so zum Beispiel der minimalistische Einsatz von Materialien oder der Wunsch, einen Kontrast zwischen den Wänden und Böden in Tanne einerseits und der Schreinerarbeiten in Lärche andererseits zu schaffen. Die Verbindung aus funktionalem Pragmatismus und konstruktiver Ehrlichkeit zeigt sich in den speziellen Details der Projekte von Aviolat Chaperon Escobar. Auch bei dem umgebauten Heustadel war es das Augenmerk auf Funktionalität und die Detailverliebtheit, die ein grosszügiges, aber vor allem wohnliches Heim schufen.

Text: François Esquivié


Architekt/Planer

Aviolat Chaperon Escobar Sarl


Boulevard de Pérolles 14
1700 Fribourg
026 534 22 97