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Wohnhaus mit Atelier
Nuglar

Kategorie:
Wohnen (bis 2 Wohneinheiten)
Fertigstellung:
2018
Geschossfläche:
380 m²
Gebäudevolumen:
4660 m³

Pure Materialität

Das Architektenpaar Lillit Bollinger und Daniel Buchner haben gemeinsam ein unscheinbares Lagerhaus in Nuglar-St. Pantaleon in ein Wohnhaus mit Architekturstudio verwandelt. Für die jetzige Nutzung reicherten sie die Patina der vorgefundenen Materialien um eine neue Materialschicht an.

Die Kirschenregion im solothurnischen Nuglar-St.Pantaleon ist berühmt und beliebt für seinen «Chirsiweg», den man vor allem zur Zeit der «Bluescht» geniessen sollte. Er bietet Wanderern einen traumhaften Blick auf die hügelige Landschaft der Juraketten.
Auf den Gedanken dort zu wohnen kommt man jedoch weniger. Anfang der 1970er Jahre zählte Nuglar noch 800 Bewohner. Umgeben war das Dorf von 10 750 Kirschbäumen, deren Ernte für die Schnapsproduktion des «Schwarzbuebe Kirsch» im Kirschlager abgegeben wurde.
Nachdem das Unternehmen sein Geschäft in der dritten Generation aufgegeben hatte, stand das einstige Lagerhaus und Ladengeschäft 20 Jahre leer. Lange wurde es zum Verkauf angeboten, bis die Architekten Lilitt Bollinger und Daniel Buchner auf der Suche nach einem neuen gemeinsamen Wohnraum darauf aufmerksam wurden. Der an einem Osthang gelegene schlichte Bau sprühte nicht gerade vor Charme. Es ist ein sprödes Lagerhaus aus dem Jahr 1968, das, bis auf den Ladenzugang von der Westseite her, kaum Bezüge zum Aussenraum herstellte. Die beiden Architekten vermuteten beim Kauf der Liegenschaft, einen reinen Betonbau vorzufinden. Dies traf nur zur Hälfte zu: Die riesige Garage mit Stahlträgern und Betondecke war mit einer durchgehenden, tragenden dicken Betonwand nur über einen Warenlift mit der linken Laden-Hälfte verbunden. Dort kam überraschenderweise eine filigrane Holzdecke zum Vorschein.

Lagerfläche wird Wohnraum
Das Paar stand vor der Aufgabe, aus dem Vorgefundenen Wohnräume zu schaffen. Das hiess vor allen Dingen, Licht und Öffnungen in das bestehende, sehr geschlossene Gebäude zu bringen und eine neue Struktur von Räumen zu entwickeln. Mit Trennmaschinen und Kreissägen schnitten sie Öffnungen in Betonwände und Decken. Dies war die einfachste und kostengünstigste Möglichkeit, um den vorhandenen Beton zu perforieren.
Das Konzept für die neue Atelier- und Wohnstruktur sah auf der Westseite, dem ehemaligen Ladeneingang, ein grosszügiges Atelier vor. Dort lädt jetzt eine lange Sitzbank, die auf der Fassadenseite in einem Grünton farblich abgesetzt ist, zum Verweilen ein. Rechts daneben blieb die Garage mit Werkstatt bestehen.
Zur Ostseite, wo die Hanglage das Erdgeschoss zu einem Obergeschoss macht, bestanden nur schmale Oberfenster. Die Wandöffnungen wurden bis auf Sitzhöhe aus der Wand weiter ausgeschnitten.
Die sechs vergrösserten Fensterausschnitte sind durch einen aufgesetzten Fensterkasten zu einer langen Panoramafront zusammengefasst. Entlang dieser Zeile, linear auf der Gesamtlänge von zirka zwanzig Metern, fanden aneinandergereiht aneinander ein grosser Esstisch, eine Küchenzeile, eine Feuerstelle und das Sofaeck ihren Platz.
Bemerkenswert ist die Melange aus Vorgefundenem und neu Addiertem. Die bestehenden Materialien wurden nicht saniert, sondern bewusst mit all ihren Gebrauchsspuren belassen. Sämtliche Schnittkanten im durchtrennten Beton bleiben sichtbar.
Die neu hinzugefügten Materialien wie Raumteiler, Wände und Einbauten aus Seekiefersperrholz werden in ihrer Schichtung und Fügung immer gezeigt. Gleiches gilt für Elemente aus gegossenem Beton, der für die Feuerstelle, Arbeitsplatte der Küche oder den Zylinder im Bad verwendet wurde.
Zwischen dem Atelier und dem Wohnraum ist der Schlaftrakt eingepasst. Unter der filigranen Holzdecke bilden Raummöbel, eingebaute Schränke und ein minimales Gästezimmer Nischen, welche die ehemalige Halle strukturieren.
Zentrum dieses Hausteils ist das zylindrische Bad, das nur über ein Oberlicht beleuchtet wird. Mit seiner versenkten, betonierten Wanne, die in unmittelbarer Nähe zu Bett und Waschtisch spiegelt das Bad die Intimität sehr gut wider.

Der Kreis als Stilmittel
Die Kreisform ist ein wiederkehrendes Motiv im Gebäude. Den Auftakt macht ein schwarzer, aufgemalter Kreis, welcher die Tür zur Garage als Haupteingang kennzeichnet. Die innere, schwarze Wendeltreppe aus Stahl durchbohrt geradezu die dicke Betondecke. Über sie erreicht man das schmale Studio, das auf die Garage neu aufgesetzt ist. Die äussere Wendeltreppe an der Talseite scheint hingegen zu schweben: Farbig, filigran, fast gefährlich, als würde man ins Leere treten. Beide Treppen verbinden die drei Geschosse miteinander.
Das Studio ist fast ganz in Schwarz gehalten, abgesetzt mit schmalen, hellen Fensterrahmen. Von dort oben lässt sich, noch einmal erhöht, die Hügellandschaft rund um Nuglar geniessen. Mehr geht nicht!

Text: Sibylle Hahner


Architekt/Planer

lilitt bollinger studio gmbH


Bläsiring 124
4057 Basel
061 262 26 06
Architekt/Planer

Buchner Bründler AG


Architekten BSA
Utengasse 19
4058 Basel

Situation Wohnhaus mit Atelier von lilitt bollinger studio gmbH
Situation
Grundriss Erdgeschoss Wohnhaus mit Atelier von lilitt bollinger studio gmbH
Grundriss Erdgeschoss
Grundriss 1. Obergeschoss Wohnhaus mit Atelier von lilitt bollinger studio gmbH
Grundriss 1. Obergeschoss
Längsschnitt Wohnhaus mit Atelier von lilitt bollinger studio gmbH
Längsschnitt