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Um- und Neubau Jugendherberge Bern
Weihergasse 4, Bern

Kategorie:
Gastgewerbe und Tourismus
Fertigstellung:
2018
Geschossfläche:
2750 m²
Gebäudevolumen:
8750 m³
Gebäudekosten BKP 2:
11.75 Mio. CHF

Hotel komfort in Berner Jugi

Die in die Jahre gekommene Berner Jugendherberge aus den 50er-Jahren bedurfte einer Generalüberholung. Angepasst an die heutigen Anforderungen an Komfort konnten die renommierten Berner Architekten «Aebi & Vincent» ihren prämierten Wettbewerbsbeitrag realisieren. Seit April 2018 präsentiert sich das vorhandene Ensemble neu geordnet und um einen neuen Schlaftrakt erweitert.

Nach einer vorausgegangenen Machbarkeitsstudie im Jahr 2006 überzeugten Aebi & Vincent Architekten 2014 mit ihrem Wettbewerbsprojekt «Eifach so, gäu Pesche»; damit zollten sie dem Gestalter der bestehenden Anlage aus dem Jahr 1956, Architekt Peter Indermühle, ihren Respekt.

Vor gut fünfundzwanzig Jahren habe ich dort genächtigt, um tags darauf den umliegenden Frühwerken von Atelier 5 zu huldigen. Von diesem Besuch mit der Nacht im obligatorischen Stockbett ist mir der Weg entlang der hohen Mauer hinter dem Bundeshaus, die Nähe zur Aare sowie die gemütlich gedrungenen Anbauten aus den 1950er-Jahren geblieben.

Das direkt gegenüberliegende Oktogon, ein ehemaliger Gaskessel aus dem 19. Jahrhundert, der mittlerweile als Hammam
genutzt wird, funktioniert als Scharnier für das sich nach Südwesten öffnende, lebendige Marziliquartier.

Gestiegene Ansprüche
Der bestehende Gebäudekomplex von Peter Indermühle war nach sechzigjähriger Nutzung reif für eine umfassende Erneuerung: In den Schweizer Jugendherbergen sind nicht nur die Preise gesteigen, sondern auch die Ansprüche.

Ein beispielhaftes Uplifting gelang Buchner Bründler Architekten mit der Basler Jugendherberge im idyllischen St. Alban Tal. In dem historischen Gebäude aus dem 19. Jahrhundert standen einst 500 Webstühle für die Produktion von Seidenbändel, in den 1970er-Jahren wurde der lang gestreckte Fabrikbau bereits entkernt und relativ behutsam umfunktioniert. Mit einem nach hinten angebauten Trakt mit klassischen Doppelzimmern haben Buchner und Bründler 2010 den Komfort auf Hotelniveau angehoben. Mit anspruchsvoller Architektur, Designmöbeln, eigenen Balkonen, Panorama-ausblicken bis hin zum Swimmingpool sind verschiedenste Schweizer Jugis aufgewertet worden, zurecht geben sich einige das Prädikat «Design Youth Hostel».

Auf vergleichbare und überzeugende Weise wurde in Bern die Jugendherberge an heutige Anforderungen an Komfort angepasst.

Formensprache der 1950er
Der bestehende Riegel aus den 1950er-Jahren mit dem lang gestreckten Saalgebäude und der quer gestellte, viergeschossige Schlaftrakt mit neu strukturierter Eingangshalle rahmen L-förmig das sogenannte Aussenzimmer, eine vorgelagerte, öffentliche Terrasse mit Aareblick, die von einer mächtigen Platane geschützt wird.

Als Ergänzung dazu entwarfen Aebi & Vincent, geometrisch abgezirkelt, in der Verlängerung des Längsriegels, um dessen Breite nach Süden versetzt und mit Abstand zum Bestand, ein viergeschossiges Dormitorium, das die Formensprache der 1950er aufnimmt, aber mit einem solitären, weissen «Regalsystem» aufzulösen vermag.

Pikantes Detail: Abgehoben vom Boden steht der Neubau in einem vom Wasserstand der Aare abhängigen Feuchtgebiet. Das konstruktiv auf ein Minimum reduzierte Gebäude steht deswegen auf zwölf Pfählen, welche die Lasten auf tragfähigen Baugrund abtragen.

Die vorgehängte Fassade aus vorfabrizierten Weissbetonelementen nimmt das Stilelement des gerahmten Einzelfensters des bestehenden Dormitoriums auf. Die Formensprache der Glasfassade des flachen, bestehenden Speisesaals vermittelt zwischen beiden Bauten und Strukturen.

Ausgetüfteltes Zimmer-Konzept
Mit verglasten Korridoren werden die vier Etagen mit insgesamt 30 Zimmern (90 Betten) über ein zur Terrasse hin geöffnetes, luftiges Treppenhaus erschlossen.

Durch die Etage für Etage wechselnde Seite der Erschliessung bekommen die komfortablen und hotelähnlichen Doppelzimmer Aussicht Richtung Aare, zum Bundeshaus hin orientieren sich die regulären Vierer-Zimmer mit Stockbetten.

Das Konzept der Vierer-Zimmer ist sehr ausgetüftelt: Auf einem minimalen Grundriss von rund 20 Quadratmetern stehen etwas versetzt zwei Stockbetten zur Fensterfront hin ausgerichtet. Hinter schliessbaren Schiebeelementen sind separat Dusche und WC eingepasst und vorne, hin zur Zimmertür, sind vier farbige Schliessfächer als grosse Box angeordnet, daneben befindet sich das klassische Waschbecken mit Spiegel. Dieselbe Grundfläche nutzen die stilvollen Doppelzimmer mit raumhohen Holzfenstern, die mit idyllischen Ausblicken auf die Aare den Hauch von Boutique-Hotels ins Zimmer holen.

Patina erwünscht
Robuste und langlebige Materialien wie Beton, Holz oder Linoleum, die mit der beginnenden Patina zu lebendigen Oberflächen werden, wurden bevorzugt eingesetzt.

Möbel, die den Charme der 1950er-Jahre wiederbeleben, wie die von den Berner Architekten entworfenen kreisrunden Beistelltischchen (Rötlisberger), die tannengrünen Gartentische oder die unterschiedlichen Farbflächen, welche nicht nur die Zimmer strukturieren, stehen im angenehmen Gegensatz zu der weissen Fenster- und Fassadenstruktur des gesamten Ensembles.

Die neu inszenierte Eingangshalle mit anschliessender Bar zusammen mit dem eindrucksvollen, seitlichen Speisesaal mit rückwärtiger Küche haben über ein neues Treppenhaus die Verbindung nach oben in die Lounge mit chilligen Sofas und später noch weiter nach oben ins gestylte Dormitorium (20 Zimmer mit insgesamt 90 Betten). Insgesamt eine runde Sache und eine Bereicherung für Einheimische und Besucher der charmanten Hauptstadt!

Text: Sibylle Hahner

Architekt/Planer

Aebi & Vincent Architekten SIA AG


Monbijoustrasse 61
3007 Bern
031 321 10 10
Bauherr

Schweizerische Stiftung für Sozialtourismus


Schaffhauserstrasse 14
8006 Zürich
044 360 14 20

Schwarzplan Bern Um- und Neubau Jugendherberge Bern von Aebi & Vincent Architekten SIA AG
Schwarzplan Bern
Grundriss Erdgeschoss Um- und Neubau Jugendherberge Bern von Aebi & Vincent Architekten SIA AG
Grundriss Erdgeschoss
Grundriss 1. Obergeschoss Um- und Neubau Jugendherberge Bern von Aebi & Vincent Architekten SIA AG
Grundriss 1. Obergeschoss
Grundriss 2. Obergeschoss Um- und Neubau Jugendherberge Bern von Aebi & Vincent Architekten SIA AG
Grundriss 2. Obergeschoss
Längsschnitt AA Um- und Neubau Jugendherberge Bern von Aebi & Vincent Architekten SIA AG
Längsschnitt AA