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Svizzera 240: House Tour
Giardini della Biennale, Venezia VE

Kategorie:
Kultur und Kult
Fertigstellung:
2018
Gebäudeanzahl:
1
Stockwerke:
1
Grundstücksfläche:
500 m²
Geschossfläche:
350 m²
Nutzfläche:
450 m2
Gebäudevolumen:
1000 m³

Architekt/Planer

ARGE Bosshard, Tavor, van der Ploeg, Vihervaara
ETH Zürich
8093 Zürich
0041 79 486 79 15
Architekt/Planer

Bosshard Alessandro
ETH Zürich
8093 Zürich
Architekt/Planer

Li Tavor
ETH Zürich
8093 Zürich
Architekt/Planer

Matthew van der Ploeg
ETH Zürich
8093 Zürich
Architekt/Planer

Ani Vihervaara
ETH Zürich
8093 Zürich
Universität / Fachhochschule

ETH Zürich
Departement Architektur
Stefano-Franscini-Platz 5
8049 Zürich
044 632 11 11
Bauunternehmer

ADUNIC AG
Hungerbüelstrasse 12
8500 Frauenfeld
052 557 98 00
Bauherr

Pro Helvetia
Hirschengraben 22
8024 ZüricH
0763471711
Diverses

Glutz AG
Swiss Access Systems
Segetzstrasse 13
4500 Solothurn
032 625 65 20

Erfolgreiche Architektur

Die meistgebauten Architekturen unserer Umwelt haben ihren Erfolg wohl der Tatsache zu verdanken, dass sie gerne übersehen werden, anstatt sich selbst in den grossen Nachschlagewerken der Architekturgeschichte zu feiern.

An der Biennale Architettura 2018 lenkt der Schweizer Pavillon das Augenmerk auf eine Architektur, die, obwohl weitverbreitet, im Verborgenen liegt—den Innenraum zeitgenössischer Wohnungen. Die architektonische Hülle des Wohninterieurs ist eine der erfolgreichsten Errungenschaften der Moderne. Abgesehen von kleinen, kulturell oder klimatisch bedingten Unterschieden besteht eine Wohnung aus einem Volumen mit einer Raumhöhe von circa 240 Zentimetern, eingekleidet in weisse Wände, Sockelleisten, Holz- oder Fliessböden sowie standardisiert hergestellten Komponenten und Armaturen.

Diese Oberfläche ist eine der beständigsten und einheitlichsten Erscheinungsformen der Architektur. Sie hat nicht nur unregelmässige Schwankungen innerhalb sich ständig verändernder architektonischer Stile überlebt, sondern konnte sich unter dem Einfluss gegensätzlicher Ideologien mühelos durchsetzen. Ob bescheiden oder luxuriös, marxistisch oder faschistisch, kreativ oder klinisch—im Innenraum werden die Wünsche jeder Bauherrschaft mit der gleichen Antwort erfüllt. Denn wie alle grossen Architekturen scheint sich das Wohninterieur einfach nicht verändern zu wollen. Es propagiert sich selbst als zeitlos und unvermeidbar. Es scheint sogar, als hätte das Innere der Wohnung die Tendenz immer einheitlicher und fugenloser zu erscheinen. Elemente wie Radiatoren, Armaturen, Einbauschränke, Gesimse und Vorhangschienen verschwinden immer mehr in den Hintergrund um sich in die architektonische Oberfläche zu integrieren. Als Ergebnis eines Strebens nach Konsistenz und Integration haben wir es hier mit einer Erscheinung zu tun, die immer weniger in Erscheinung tritt.


Die House Tour
Die Sicht auf leere Wohnungen

Der hartnäckigen Anonymität des Interieurs tritt nun eine Gegenspielerin gegenüber. Sie nennt sich «House Tour». Auf Augenhöhe ermöglicht sie eine begehbare und mäandrierende Sicht auf das Wohnungsinnere, wobei sie die unscheinbare Hülle der Wohnung unter prüfenden Beschuss stellt. Die «House Tour» ist für manche bloss eine weit verbreitete, kodierte soziale Handlung. Für andere ist sie ein nicht weg zu denkendes Ritual. In der Schweiz beispielsweise spielt sie eine wesentliche Rolle bei der Präsentation und Bekanntmachung der architektonischen Praxis.

Eine House Tour kann sowohl persönlich, am eigenen Leibe, wie auch als Simulation, beispielsweise in Form eines Filmes erlebt werden. Im Schweizer Architekturdiskurs sind es zurzeit Fotografien unmöblierter Wohninnenräume, welche die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Zunächst auf den Webseiten Schweizer Architekturbüros zu finden, erscheinen sie mehr und mehr in Publikationen zum Wohnungsbau. Vor nicht allzu langer Zeit beschränkte sich das Bildmaterial in Publikationen über den Wohnungsbau auf Aussenperspektiven. Mit ein wenig Glück schaffte es ein Bild vom Treppenhaus in das Buch. Heute ist es das Innenraumbild der unmöblierten Wohnung, welches als extrudierte Realität des Grundrisses in denselben Schweizer Publikationen zelebriert wird.


Das undurchschaubare Interieur
Ein architektonischer Rorschachtest

Als architektonische Dokumentationsform ist die Fotografie des unmöblierten Wohninterieur merkwürdig. Überraschend ist, dass etwas derart Offensichtliches, das auf solch direkte Weise präsentiert wird, so viele ambivalente Gedanken auslöst.

Üblicherweise wird der Erfolg eines Bildes in der Architektur an seinem Wiedererkennungswert gemessen. Bilder von unmöblierten Wohninnenräumen offenbaren jedoch eine Architektur, die wir in kollektivem Einverständnis aus unserem Gedächtnis verbannt haben. Wie die weiss gestrichenen Wände von Kunstgalerien oder protestantischen Kirchen haben die Wände einer Wohnung immer versucht, unsere Aufmerksamkeit auf anderes zu lenken als auf sich selbst. Vielleicht ist dies auch der Grund, weshalb Bilder von unmöblierten Wohnungen eigentlich einem Genre angehören, das sich innerhalb des Immobilienmarktes und nicht innerhalb der Architektur verorten lässt. Gleichzeitig könnten diese Bilder aber architektonischer nicht sein, denn alles, was sie zeigen, sind blanke Wände, Türen, Fenster und Fussböden. Und dennoch drängt sich die Frage auf, was sie eigentlich zu vermitteln versuchen. Sie sprechen nicht von Organisation, Nutzung oder Effizienz. Die architektonischen Krücken, die wir normalerweise verwenden um Projekte zu diskutieren, sind offensichtlich unterrepräsentiert.

Stellen diese Bilder Raum dar? Mag sein, doch der Blick hinter die Oberfläche bleibt uns konstant verwehrt. Die Bilder sprechen von einer Architektur, die für eine noch unbekannte Bewohnerschaft, mit unbekanntem Eigentum und unbekanntem Lifestyle entworfen wurde. Diese Quelle der Ungewissheit vermag es die architektonische Hülle von ihrem eigentlichen Zweck zu befreien und macht sie in vielerlei Hinsicht autonom. Von vielen Tatsachen erlöst, transformiert sie sich neu von einer Statistin zur Protagonistin. Und während sie ihren Blick auf uns richtet, beginnt sie zahlreiche Fragen zu stellen.

Die Leichtigkeit, mit der wir eine Wohnung als ‘Hintergrund’, ‘standardisiert’ oder ‘neutral’ bezeichnen, verrät ihren Status als willkürliches kulturelles Konstrukt. Wie in einem Rorschachtest droht in den Fotografien unmöblierter Wohninnenräumen der Hintergrund ständig in den Vordergrund zu kippen. Das Leere wirkt auf einmal schwer beladen. Bilder des Puren und des Reinen beginnen ihre Gegenteile zu hinterfragen: auf Yves Klein’s Le Vide folgte unmittelbar Arman’s Le Plein. Leonardo da Vinci forderte Maler_innen dazu auf, sich von unregelmässigen Flecken an der Wand inspirieren zu lassen. Le Corbusiers Gesetz des Ripolin hielt uns dazu an, diese Flecken weiss zu überstreichen. Selbst ein frischer, weisser Wandanstrich bringt uns nicht davon ab zu halluzinieren.

Fotos eines beinahe Nichts zu schiessen, erzeugt Bilder aus purer Substanz. Svizzera 240 eignet sich das Bild des unmöblierten Wohninterieurs als plastisches Medium der architektonischen Repräsentation an, und fordert zur Reflexion über ein architektonisches Thema, das allen Anschein nach bereits zu den Akten gelegt wurde.


Gebaute Repräsentation
Ein fremdes Territorium bauen

In den Schweizer Pavillon wurde kein Haus, sondern eine «House Tour» gebaut. Das hier präsentierte, verbirgt sich latent in den seltsamen Potentialen der Bilder unmöblierter Wohnungen. Anstatt ein Gebäude zu repräsentieren, haben wir die Repräsentation selbst gebaut.

Im Schweizer Pavillon betritt die Besucher_in eine unmögliche Wohnung— die Konstruktion der Installation orientiert sich an den Prinzipien der Architekturfotografie und nicht an realen Wohnräumen. Das Unvermögen des Bildes Massstäblichkeit, Dimension, Tiefe oder räumliche Zusammenhänge zu vermitteln wird in gebauter Form präsentiert und schafft eine labyrinthartige Sequenz perspektivischer Innenräume. Anstatt das Wohninterieur als Aneinanderreihung privater Wohneinheiten zu verstehen, möchten wir sie gerne als eine einzige zusammenhängende topologische Oberfläche behandeln.

Die Zuverlässigkeit des 1:1 Models wurde zugunsten einer Serie von funktionslosen Massstäben verworfen. Die Räume bewegen sich zwischen 1:5, 1:2, 1:1.6, 1:1,3, 1:1,2, 1:1, 1,1:1, 1,3:1, 1,5:1 und 2:1. Die Elemente in diesem kontinuierlichen Raum sind banal, aber sie weigern sich gewöhnlich zu werden. Dies nennt sich Verfremdung oder auch Entfremdung. Willkommen im neuen Zuhause. Lassen Sie sich herumführen.


Wie werde ich Haustourist_in?
Falsche Schlüsse ziehen

Auf dieser Tour gibt es nicht viel zu tun ausser den Blick auf eine Architektur zu richten, die nie auf Grund ihres eigenen Anblicks zur Anerkennung gelangte. Aber jetzt starren wir im Schweizer Pavillon auf ein Kontinuum weisser Flächen, die durch Türgriffe, Sockelleisten, Fensterrähmen, Steckdosen und Schranktüren hervorgehoben werden. Ein neues Ensemble von Charakteren wird ins Rampenlicht des Wohnungsbaus gerückt.

Dies ist keine Architekturkritik, vielmehr eine architektonische Entdeckung. Eine Tour durch diese entfremdete Landschaft bringt Ihr Urteilsvermögen aus dem Gleichgewicht. Zu diesem Zeitpunkt sind Sie nicht mehr länger Bewohner_in, Architekt_in oder Bauherr_in—Sie verwandeln sich in ein neues Subjekt: Sie sind jetzt Haustourist_in.

Sie richten Ihren Blick auf Dinge, die Ihnen bekannter nicht sein könnten. Doch jetzt öffnet die Magie der touristischen Naivität die Türen für Missinterpretationen. Subjektivität betritt die Szene und ebnet den Weg für alternative Lesungen. Was ist öffentlich? Existiert Privatheit? Wo ist die Fassade? Sie sehen ihr direkt in die Augen. Und wer lebt hier? Wir alle.


Publikation
House Tour: Views of the Unfurnished Interior, edited by Adam Jasper, Alessandro Bosshard, Li Tavor, Matthew van der Ploeg, and Ani Vihervaara
https://www.theguardian.com/artanddesign/2018/may/28/cosmic-chapels-and-an-estate-agents-nightmare-venice-architecture-biennale-review
https://www.derstandard.de/story/2000080442891/lustvolle-geistesspruenge-auf-der-architekturbiennale
https://www.swiss-architects.com/de/architecture-news/hintergrund/nicht-neutral
https://www.srf.ch/kultur/kunst/architekturbiennale-venedig-goldener-loewe-fuer-schweizer-team
https://www.nzz.ch/feuilleton/gullivers-reise-zur-architekturbiennale-in-venedig-ld.1388455
https://www.republik.ch/2018/06/08/das-wunder-von-venedig
https://www.hochparterre.ch/nachrichten/bildergalerien/blog/post/detail/surreale-gewohnheiten/1527100144/
https://www.archithese.ch/de/ansicht/im-irrgarten-der-standards
MODULOR, Ausgabe 5/18
Bauwelt, Ausgabe 10.1028
https://www.archdaily.com/895703/svizzera-240-house-tour-the-swiss-pavilion-winner-of-the-golden-lion-at-the-venice-biennale-2018
https://www.dezeen.com/2018/05/24/swiss-pavilion-venice-architecture-biennale-house-tour-interior-design/


Eingangsfassade  Svizzera 240: House Tour von ARGE Bosshard, Tavor, van der Ploeg, Vihervaara
Eingangsfassade
Grundriss  Svizzera 240: House Tour von ARGE Bosshard, Tavor, van der Ploeg, Vihervaara
Grundriss
Längsschnitt  Svizzera 240: House Tour von ARGE Bosshard, Tavor, van der Ploeg, Vihervaara
Längsschnitt
Details Fenster, Zeichung: Adunic AG Svizzera 240: House Tour von ARGE Bosshard, Tavor, van der Ploeg, Vihervaara
Details Fenster, Zeichung: Adunic AG
Details Fenstergriffe, Zeichnung: Glutz AG Svizzera 240: House Tour von ARGE Bosshard, Tavor, van der Ploeg, Vihervaara
Details Fenstergriffe, Zeichnung: Glutz AG