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Krematorium Feldli, St. Gallen
Hätterenstrasse 10, Saint-Gall

Andy Senn Architekt BSA SIA


Krematorium Feldli, St. Gallen © Hélène BinetDer schweren Gang ins Krematorium erscheint  durch die dünnen Säulen  der Kolonnade und die  helle Ausführung von Boden und Decke etwas leichter. © Hélène BinetIn einer konfessionsneutralen Raumstimmung kommen Angehörige im Andachtsraum zur Ruhe. © Hélène BinetIm Kultraum wird die Kremation eingeleitet.  Wenige Materialien werden echt, blank, schlicht  und in edler Qualität und Verarbeitung eingesetzt. © Hélène BinetDie raumhohen Fenster erlauben den Blick zurück aus dem Eingangsbereich  in die Kolonnade. Das Thema des Übergangs  rückt ins Bewusstsein. © Hélène Binet
Kategorie:
Kultur und Kult
Fertigstellung:
2016
Gebäudeanzahl:
1
Stockwerke:
2
Untergeschosse:
1

Vom Winde verweht

Dunkler Klinker verleiht dem Krematorium Feldli in St. Gallen die Ernsthaftigkeit und die Ruhe, die einem solchen Ort angemessen sind. Fernab von christlicher Symbolik gestalteten Andy Senn Architekten einen sakralen Raum, in dem Trauernde jeglicher Glaubensrichtung rituell Abschied von ihren Verstorbenen nehmen können.

Im neuen Krematorium Feldli werden täglich etwa 17 Kremationen durchgeführt. Es steht auf einem ungenutzten Grabfeld des Friedhofs Feldli, welcher im Jahr 1874 weit ausserhalb des damaligen Siedlungsgebietes im Westen der Stadt St. Gallen angelegt wurde. Neben einem Leichenhaus entstanden dort 1903 das erste Krematorium und die Urnenhallen als dreiflügelige Anlage. Nach dem zweiten römischen Konzil von 1962 waren auch für Katholiken Feuerbestattungen erlaubt, und nicht nur in St. Gallen stieg seither deren Anzahl: In der Schweiz werden heute 85 Prozent der Verstorbenen kremiert.
Die technischen Anlagen des alten Krematoriums, das in den achtziger Jahren um eine Verwaltung, ein Ofenhaus und unterirdische Aufbahrungsräume ergänzt wurde, waren veraltet. Deshalb konnten moderne Betriebsabläufe in den bestehenden Räumen nicht mehr effizient durchgeführt werden. Das Hochbauamt der Stadt nahm die Planung auf, und nach einem Wettbewerb, welcher das ortsansässige Büro von Andy Senn für sich entscheiden konnte, wurde 2016 am nordwestlichen Rand des Friedhofareals der Neubau in Betrieb genommen.

Das neue Haus

Die Stiftung Krematorium St. Gallen betreibt das neue Haus. Die fünf bis sechs Mitarbeitenden haben viel Erfahrung, einige von ihnen arbeiteten bereits wenige Meter oberhalb im alten Krematorium. Auf die Frage, wie der neue Arbeitsplatz gefalle, kommt die Antwort klar und direkt: Sehr gut, er sei viel heller und grösser als im alten Gebäude.
Trauernde mag diese Aussage erstaunen. Bei ihrem Besuch im Krematorium würden sie die Räume, die sie betreten, nicht als hell bezeichnen. Sie werden dezent indirekt beleuchtet und sind mit der Aussenwelt teilweise nur durch ein ornamentiertes Lochmauerwerk verbunden. Und in der Tat, auch von aussen betrachtet ist man versucht zu sagen, das Gebäude habe eigentlich keine Fenster. Es wirkt jedoch nicht abweisend. Nebst einer grossen Fensterfront, hinter der sich die Verwaltungsräume befinden, sind auch die Gebäudezugänge deutlicher erkennbar. Der Eingang, der von Mitarbeitern und für die Anlieferung genutzt wird, befindet sich an der Westfassade. Das grosse Tor ist in massiver Eiche ausgeführt und hebt sich vom Klinkermauerwerk des zweigeschossigen Gebäudes deutlich ab. Im Gegensatz zur alten Anlage ist am neuen Standort vor der Westfassade mehr Platz für die Anfahrt und Parkierung entstanden.

Die Arbeit

Bestatter haben während 24 Stunden Zugang zum Gebäude, um die Verstorbenen in den Kühlraum zu bringen oder diese bei Bedarf vorher im Umsargungsraum für eine allfällige Aufbahrung vorzubereiten. Danach übernehmen die Mitarbeiter des Krematoriums die Arbeit und bringen die sterblichen Überreste frühestens nach 48 Stunden in den Kultraum, wo die Kremation eingeleitet wird. Der lange Raum ist an der Ostfassade zum Friedhof hin orientiert, und die raumhohen Fenster liegen gut geschützt hinter einem vorgelagerten Lochmauerwerk, das Licht und Einblicke filtert. Hier werden die Särge beinahe zeremoniell nochmals überprüft, und ein nummerierter Schamottstein, der später im Ofen zusammen mit den Gebeinen erhalten bleibt, wird beigefügt. All dies geschieht zum Teil im Beisein der Angehörigen, wobei der Raum verdunkelt und musikalisch bespielt wird. Beendet wird die Zeremonie, nachdem der Sarg in den glühenden Ofen eingefahren wird und die Anhörigen sich verabschieden konnten.
Während der neunzigminütigen Kremation geht die Arbeit in den dahinterliegenden Bereichen weiter. Im zweigeschossigen Ofenraum ist die Raumtemperatur sehr hoch, und es gibt mehrere Oberlichter. Im Mühlraum, der sich unter dem Kultraum befindet, fällt viel Licht über ein hochliegendes Fensterband auf die Werkbänke. Das Terrain sinkt im Osten leicht ab und lässt das Erdgeschoss über der zurückversetzten Fassade des Untergeschosses schweben.

Die Trauer

Ein Kolonnadengang führt Besucher und Angehörige vom Parkplatz zum südseitigen Publikumseingang. Ein Team empfängt die Trauernden und begleitet sie einfühlsam entweder in einen der beiden Aufbahrungsräume, die sich direkt neben dem Eingang befinden, oder in den Kultraum zur Vorbereitung der Kremation. Das Bedürfnis, an diesem Akt teilzunehmen, wächst stetig. Die Zeremonie, der beigewohnt werden kann, ist nicht religiöser Art. Der hohe Kamin verleiht dem Gebäude zwar schon von weitem etwas Sakrales, denn seine Proportionen lassen ihn eher wie einen Turm wirken. Das Gebäude spricht aber auch Gläubige nichtchristlicher Religionen an.
Aus der Nähe betrachtet ist es schliesslich die Klinkerfassade, die Assoziationen weckt und auf den Akt der Veränderung hinweist, die durch einen Brand entsteht. Gleichzeitig erdet sie den Betrachter. Die Schwere, die man spürt, wenn bei einer Erdbestattung die leiblichen Überreste in die Erde gleiten, kann Trauernden helfen, Abschied zu nehmen. Da dieser Akt bei einem Urnenbegräbnis fehlt oder die Asche vom Winde verweht wird, brauchen die Trauernden Halt. 177 000 Klinker wurden im neuen Krematorium Feldli verbaut.
Konsequent wird der braune Klinker des Zweischalenmauerwerks auch innen sichtbar belassen. Der Boden hingegen ist ein heller Terrazzo mit Weisszement und Jurakalk und wird teilweise vor der Fensterfront zu Sitzbänken ausgebaut. Die beständige Eiche wird als Fensterrahmen oder als Rezeptionsmobiliar eingesetzt. Die naturbelassenen Materialien und die lehmverputzten Decken sollen den publikumsorientierten Räumen Ruhe und Geborgenheit verleihen. Ein weiteres Material erzeugt zudem Wertschätzung und sakrale Stimmung: Messing. Es wird an verschiedenen Orten mit unterschiedlicher Wirkung verwendet: Kühl und doch schmeichelnd als Beschläge, gebürstet und dadurch goldig und hell ist das Deckenelement im Aufbewahrungsraum, und einige Türen wie auch die der Öfen sind in Messing gearbeitet, hier brüniert und sich mit der Zeit farblich verändernd.

Andy Senn, Andy Senn Architekten, zu den Eichenfenstern:
«Im Gegensatz zum Stein nehmen die geölten Eichenfenster die äusseren Einflüsse auf, altern und verändern sich abhängig von der Exposition.»

Andy Senn, Andy Senn Architekten, zum Terrazzobelag:
«Der helle leichte Boden und die helle Decke leiten
den Besucher durch die dunklen Backsteinwände. Mit dem Terrazzoboden werden alle Anforderungen an Repräsentation und mechanischer Beanspruchung wie zum Beispiel im Kultraum erfüllt.»


Text: Claudia Frigo Mallien

Dies hier ist ein Link
Erstveröffentlichung: Magazin der Schweizer Baudokumentation 2020 - 1



Architekt/Planer

Andy Senn


Architekt BSA SIA
Feldlistrasse 31a
9000 St. Gallen
071 272 80 20
Bauherr

Stiftung Krematorium St. Gallen


des St. Galler Feuerbestattungsvereins
Feldlistrasse 18a
9000 St. Gallen
071 277 51 21
Landschaftsarchitekt

Mettler Landschaftsarchitektur AG


Oberwattstrasse 7
9200 Gossau SG
071 383 91 09
Diverses

Ch. Keller Design AG


Industrial Design/Lichtgest.
Feldlistrasse 31a
9000 St. Gallen
071 278 31 11

Grundriss Erdgeschoss Krematorium Feldli, St. Gallen von Architekt BSA SIA<br/>
Grundriss Erdgeschoss
Längs- und Querschnitt Krematorium Feldli, St. Gallen von Architekt BSA SIA<br/>
Längs- und Querschnitt
Situation in St. Gallen Krematorium Feldli, St. Gallen von Architekt BSA SIA<br/>
Situation in St. Gallen