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Hotel Relais de Morcote, Vico Morcote
Portich da Sura 18, Vico Morcote

Sergio Calori Studio d'architettura


Hotel Relais de Morcote, Vico Morcote © Matteo AroldiVor dem Umbau © Matteo AroldiNach dem Umbau © Matteo AroldiDer neue Erweiterungsbau hat eine Grundfläche von 30 Quadratmetern. Die Aussenfassade ist mit 3 Millimeter starken, unbehandelten Platten aus Cortenstahl verkleidet. Das Gebäude öffnet sich nach aussen und bietet einen direkten Zugang zum Garten. © Matteo AroldiDie kleine offene Lounge  ist lichtdurchflutet und  bietet den Besuchern einen einmaligen Panoramablick auf die umgebende Landschaft. © Matteo AroldiSämtliche Elemente, die sich  im grossen Wohnraum befinden, wie Balken, Holzkastendecke, historische Fliesen und andere Ornamente, stammen aus dem Bestand und wurden restauriert. Sie passen perfekt zu einer zeitgemässen Innenausstattung. © Matteo AroldiIm Rahmen der Arbeiten wurde der metallene Treppenaufgang, der die Geschosse im Innenbereich verbindet, renoviert und neu lackiert. Grossflächige Dachfenster ermöglichen die natürliche Belichtung der Treppe. © Matteo AroldiDas als lokales Kulturgut eingetragene Gebäude dieses Palazzos steht an exponierter Lage an der Weggabelung. Der Baukörper des rechteckigen Gebäudes hat ein Gesamtvolumen  von gut 3000 Kubikmetern, verteilt auf drei Ebenen und ein Erdgeschoss. © Matteo AroldiUnbehandelte Cortenstahlplatten, 3mm  © Matteo AroldiFassadenaufbau: Putz und Farbe © Matteo Aroldi
Kategorie:
Gastgewerbe und Tourismus
Fertigstellung:
2019
Gebäudeanzahl:
1
Stockwerke:
4
Gebäudekosten BKP 2:
3.5 Mio. CHF

Zwischen Hügel und Wasser

In unmittelbarer Nachbarschaft des Dorfes Vico Morcote gelegen, wurde dieses historische Gebäude saniert und renoviert. Ohne vom architektonischen Erbe abzuweichen, wurde der Bau um ein neues, zeitgenössisches Volumen erweitert, dessen Erscheinungsbild sich deutlich vom Bestand abhebt.

Das malerische Dorf Vico Morcote wird von ungefähr 10 Kilometer Wasser- oder Strassenweg von Lugano getrennt. An Hanglage, auf einer Höhe von 442 Metern, zwischen den Weinbergen gelegen, bietet es eine eindrucksvolle Aussicht auf den See. Die Gemeinde mit ihren rund 400 Einwohnern besitzt ein historisches Erbe, das aus engen Gassen und Arkaden aus dem 17. und 18. Jahrhundert besteht. Das historische Gebäude befindet sich am Waldrand im äussersten Süden des Ortes. Die Struktur stammt aus dem 18. Jahrhundert und soll früher, gemäss den Stadtarchiven, ein Kloster beherbergt haben. Seitdem wurde es für verschiedene Zwecke genutzt, zuletzt für eine private Architekturschule.
Der Palazzo, der zum geschützten Kulturgut gehört, blieb jedoch einige Jahre lang geschlossen. Bis es im Jahr 2009 durch eine Familie erworben wurde, die sich in diesen Ort verliebt hatte. Die neuen Besitzer wollten dieses kleine architektonische Kleinod in ein charmantes Hotel verwandeln. Um die strukturellen Gegebenheiten optimal zu nutzen, entschied man sich für die Renovation des gesamten Gebäudes, welches von einem Garten mit Südausrichtung umgeben ist. Den Auftrag erhielt das Tessiner Architekturbüro Sergio Calori. Die Landschaftskommission erteilte jedoch die Vorgabe, die Architektur des Gebäudes zu bewahren. Darüber hinaus galt es, Kompromisse zwischen der Kommission und den Wünschen der Bauherrschaft zu finden. Das Grundstück ist nach traditionellem Raster organisiert, das Gebäude steht an exponierter Lage an einer Weggabelung. Der rechteckige Baukörper verfügt über ein Gesamtvolumen von 3021 Kubikmetern, die sich über drei Etagen und ein Erdgeschoss verteilen. Der Restaurantbetrieb im Erdgeschoss wurde auch während der Arbeiten nicht eingestellt, die Räumlichkeiten nur geringfügig modifiziert. Der externe, separate Eingang ist durch einen internen Durchgang mit dem Rest des Gebäudes verbunden.

Die Vergangenheit «korrigieren»

Beim Projektstart im Jahre 2015 trafen die Architekten auf ein gesundes äusseres Erscheinungsbild des Gebäudes. Doch zu Beginn der Arbeiten 2017 mussten sie relativ schnell die tragenden Strukturen verstärken. Und obwohl einige Eingriffe seitens der ehemaligen Bewohner vorgenommen wurden, so musste beispielsweise das Dach vollständig ersetzt und saniert werden. Teilweise kamen auch historische Bauelemente zum Vorschein. Architekt Sergio Calori und sein Team legten viel Wert auf eine harmonische Einbettung des Gebäudes in seine Umgebung und planten die Renovierung bis ins kleinste Detail. So befassten sie sich auch genauer mit den Fassaden: Aufgepeppt, frisch gestrichen und in Szene gesetzt haben die Fassaden zu ihrem alten Glanz zurückgefunden. Auch der Innenbereich wurde vollständig restauriert: Alle Räume wurden neu konzipiert, die Gliederung im ersten Stock neu überdacht. Der Architekt hat diesen Ort in einer zeitgemässen architektonischen Formensprache neu interpretiert. Insgesamt verfügt das Haus über 12 Zimmer mit eigenem Bad, die über die verschiedenen Stockwerke verteilt sind. Jedes Zimmer unterscheidet sich in seinem Raumkonzept mit einigen Elementen, die an vergangene Epochen erinnern, und einer wohl überlegten Inneneinrichtung. Das grosse Wohnzimmer krönt eine originale Kassettendecke.


Ein mit Cortenstahl verkleideter Erweiterungsbau

Vorausdenkend schlugen die Planer einen neuen Anbau aus Cortenstahl vor, der von der Landschaftskommission gebilligt wurde. Die eckige Konstruktion entwickelt sich auf zwei Ebenen. Im Inneren bietet der offene, überdachte Raum einen Panoramablick nach aussen. Im zweiten Stock konnte ein Suite-Zimmer geschaffen werden. Gleichzeitig schafft dieser Ausbau zusätzliche Quadratmeter und stellt eine direkte und starke Verbindung zur ländlichen Idylle her. Der dezente Anbau ist von der Strasse aus nicht zu sehen und erschliesst sich dem Betrachter erst bei Betreten des Grundstücks. Die Konstruktion ist nicht völlig aus dem Zusammenhang gerissen: die Proportionen und Fluchten wurden sorgfältig auf das Bestandsgebäude abgestimmt. «Bei dem Eingriff ging es darum, eine möglichst wenig invasive Lösung für den Ort zu finden», so Architekt Segio Calori. Die einzige Veränderung bestand also darin, einen bestehenden Leerraum wieder «flott zu machen». Das imaginäre Volumen schiebt sich quasi wie eine Kiste in diese Aussparung und schafft einen Bereich, der als Aufenthalts- oder Ruheraum dient. Das neue Volumen bietet einen Panorama-Blick auf die Landschaft, ähnlich einer natürlichen Grossleinwand. Das historische Gebäude, in dem sich alle Räume befinden, und der Anbau selbst liegen dicht nebeneinander. Tatsächlich können die Gäste über einen internen Korridor beliebig von einem Volumen in das andere gelangen. Durch seine Grösse und Form fügt es sich perfekt ins Landschaftsbild, während die Verkleidung einen markanten Kontrast zum restlichen Gebäude bildet. Die Verbindung von alter und neuer Architektur sowie der Übergang zur ländlichen Umgebung machen den Reiz des Ortes aus.

Sergio Calori Architekt von Studio Calori Architetti zu den unbehandelten Cortenstahlplatten:
«Durch seiner Oberflächenbeschaffenheit harmoniert Cortenstahl hervorragend mit historischen Gebäuden. Er ist vielseitig, langlebig und zu 100 Prozent recycelbar. Cortenstahl stellt ein neues Material dar, das im Laufe seines Alterungsprozesses mit der Geschichte des Gebäudes kommuniziert.»

Sergio Calori Architekt von Studio Calori Architetti zu Putz und Farbe beim Fassadenaufbau:
«Der ursprüngliche Putz an den historischen Fassaden des Gebäudes aus dem 16. Jahrhundert sollte eigentlich erhalten bleiben. Durch die Anwendung des alten, ursprünglichen Verfahrens konnten die speziellen Mischungen aus Sand und Gips wiederhergestellt und die Wände manuell verputzt werden. Die Fassade des Palazzos besteht aus vier verschiedenen übereinanderliegenden Schichten. Ein Anstrich auf Kalkbasis reproduziert originalgetreu den historischen Look.»

Text: Renzo Stroscio

Erstveröffentlichung: Magazin der Schweizer Baudokumentation 2019 - 6




Architekt/Planer

Sergio Calori


Studio d'architettura
Via Fusoni 4
6900 Lugano
091 922 66 64
Bauingenieur

Fabio De Bernardis


Studio d'ingegneria
Via Nosedo 10
6900 Massagno
091 960 18 70

Fassade Nord-Ost Hotel Relais de Morcote, Vico Morcote von Studio d'architettura<br/>
Fassade Nord-Ost
Querschnitt Hotel Relais de Morcote, Vico Morcote von Studio d'architettura<br/>
Querschnitt
Längsschnitt Hotel Relais de Morcote, Vico Morcote von Studio d'architettura<br/>
Längsschnitt