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Bundesstrafgericht Bellinzona
Viale Stefano Franscini 7, Bellinzona

Kategorie:
Büro und Verwaltung
Fertigstellung:
2013
Gebäudeanzahl:
1
Stockwerke:
4
Untergeschosse:
2
Parkplätze:
37
Grundstücksfläche:
4115 m²
Geschossfläche:
9514 m²
Nutzfläche:
5115 m2
Gebäudevolumen:
36'902 m³
Gebäudekosten BKP 2:
30.2 Mio. CHF

BASWA acoustic AG
BASWA acoustic AG
Marmorweg 10
6283 Baldegg
Tel. 041 914 02 22
Fax. 041 914 02 20
info@baswa.com
www.baswa.com

Architekt/Planer

Gramazio & Kohler GmbH
Wasserwerkstrasse 129
8037 Zürich
0041 44 350 21 25
Architekt/Planer

CDL Bearth & Deplazes Architekten AG / Durisch + Nolli Architetti Sagl
Via San Gottardo 77
6900 Massagno
091 960 18 30
Bauphysiker

LANFRANCHI Ingénierie Acoustique
Chemin de Corjon
1042 Assens
021 881 32 88
HLK-Installateur

Amstein + Walthert AG
Andreasstrasse 5
8050 Zürich
044 305 91 11
Bauherr

Eidgenössisches Finanzdepartement EFD, Bundesamt für Bauten und Logistik BBL
Fellerstrasse 21
3003 Bern
Bauingenieur

Conzett Bronzini Partner AG
Bahnhofstrasse 3
7000 Chur
081 258 30 00
Bauleiter

Rolando Spadea Marco Bondini Sagl
Via Giacomo Mercoli 7
6900 Lugano
091 922 28 15
Bauingenieur

Edy Toscano SA
Via Lischedo/Resid. Parco Lunghi
6802 Rivera
091 935 99 99
Bauingenieur

Jürg Buchli
Süsswinkel 33
7023 Haldenstein
Elektroplaner

Erisel SA
Via Mirasole 8
6500 Bellinzona
091 826 36 63
Bauunternehmer

Casada SA
Chiesa
6713 Malvaglia
091 870 12 17

Das neue Gebäude des Bundesstrafgerichts befindet sich in der Viale Stefano Franscini an der Stelle der früheren Handelsschule, von welcher der zweigeschossige Haupttrakt erhalten blieb. Dieser war als Teil eines repräsentativen, jedoch einfachen neoklassizistischen Kopfbaus errichtet worden und nimmt auch heute, nach seiner Renovation und Umgestaltung, seine Aufgabe als Haupteingang mit offener Vorhalle wahr. Ebenfalls als Resultat eines Umbaus wird in unmittelbarer Nachbarschaft, im heutigen «Pretorio», das neue kantonale Strafgericht entstehen. Zwischen den beiden Gerichtsgebäuden wird ein öffentlicher Park angelegt. Verdeckt hinter dem neu-alten Kopfbau des Bundesstrafgerichts ist ein neuer, dreigeschossiger Trakt, aussen und innen aus weissem, glattem Sichtbeton, entstanden. Er setzt die plastische Gestalt des neoklassizistischen Gebäudes in der leicht vorkragenden Stapelung der Geschosse und in den Proportionen und kannelierten Leibungen der Fensteröffnungen fort. Die rundherum gleichmässig in die Fassaden eingelassenen Öffnungen lassen auf den ersten Blick auf ein Bürogebäude schliessen – und tatsächlich sind alle Arbeitsräume peripher hinter den Fassaden aufgereiht. Zwei Lichthöfe belichten zusätzlich im Innern die Bürotrakte und bilden Orientierungsorte im dichten Raumgefüge.
Im Kern des Gebäudes befindet sich der für die neue Institution charakteristische grosse Gerichtssaal. Ihm vorgelagert ist der kleinere Besuchersaal, der wiederum vom kleinen Gerichtssaal und vom Pressesaal flankiert wird. Im Rahmen der öffentlichen Verhandlungen der Strafkammer sind diese Bereiche dem Publikum sowie den Medienschaffenden, im Gegensatz zu den weiteren Räumlichkeiten, grundsätzlich zugänglich. Über dem grossen Gerichtssaal, um seine Kuppel herum angeordnet, befindet sich die Bibliothek, während im Kopfbau Cafeteria und Sitzungszimmer liegen.
Die Architektur und die Innenwelt des Bundesstrafgerichts werden von zwei Leitmotiven durchzogen, die wie zwei Gegenpole erscheinen: die Glätte des weissen Sichtbetons und die plastische Ornamentierung der Gerichtssäle. Tatsächlich ist der gesamte Neubau als sogenannter Edelrohbau konzipiert, das heisst er wurde präzise und durch glatte Schalungen veredelt in weissem Sichtbeton ausgeführt, sodass nur noch wenige Fertigstellungsarbeiten nachfolgten, wie die Fenster und Türen in Räuchereiche, die dunklen Holzböden, die feingeschliffenen, mit weissem Sand durchsetzten Terrazzoböden sowie die Geländer aus bronzefarbenem Messing. Das zenital einfallende Sonnenlicht verleiht den Räumen schliesslich eine dezente Stille. Die Säle sind bewusst in weissem Sichtbeton materialisiert. Das ist, zumindest im Vergleich zu bisher baulich umgesetzten Gerichtssälen, eher ungewöhnlich, wo doch oft aus akustischen und repräsentativen Gründen Auskleidungen für Wände, Decken und Böden sowie Mobiliar aus (meist dunklen) Hölzern zu finden sind.
Das «Sprechen von Recht» war stets von Bedeutung – nicht nur für die involvierten Parteien, sondern auch für das Zusammenleben in der Gesellschaft. Es erstaunt daher wenig, dass die Rechtsprechung seit jeher an besonderen Orten und in speziellen Räumen stattfand, so etwa im Thronsaal des Regenten, im Ratssaal des Parlaments, in Amtsstuben, im Sakralraum der Kirche, am auserwählten Ort unter der Linde oder der mythischen Eiche auf dem Felde. Entsprechend sind auch die architektonischen Quellen für diesen Ort oder Raum vielfältig. Die Gerichtssäle des Bundesstrafgerichts sind im Grundriss quadratisch. Sie werden je von einer Kuppel in Form von Pyramiden überwölbt, deren Spitzen gekappt sind und mit Oberlichtern abschliessen, sodass in die Tiefe des Raumes zenitales Licht einfällt. Die Kuppelschalen sind reich und plastisch ornamentiert, wie man es von barocken Stuckaturen kennt. Tatsächlich sind sie aus vorfabrizierten dreieckigen Betonpaneelen zusammengesetzt, die in ihrer Gesamtheit die tragfähigen Kuppeln bilden. Um das Problem der Akustik zu lösen, sind Löcher in sie eingelassen, in denen sich der Schall verfangen kann. Die in der Tiefe konischen, runden Aussparungen sind derart in das Gespinst des Ornaments eingewoben, dass sie selbst Teil davon werden.
Das florale Gewebe überzieht die Kuppeln wie das Geäst und Laub von Baumkronen. Hier lässt sich die konzeptionelle Schnittstelle von Glätte und Plastizität, von nüchterner Sachlichkeit und üppiger Monumentalität, von Rechtsprechung und Ritual, von Logik und Repräsentation auffinden. Das Weiss des Betons steht nicht nur für Sachlichkeit, Klarheit, Reinheit und Wahrheit, es ist auch die Farbe des noch unbeschriebenen Blatts und der Unvoreingenommenheit. Insofern durchweht die Gerichtssäle ein stiller, durchaus sakraler Hauch. Vor diesem Hintergrund könnte man das neue Gebäude des Bundesstrafgerichts in Bellinzona, im Licht des Südens betrachtet, als besonnen-sachlichen Monumentalbau bezeichnen.

Besonderheiten
Die Kuppelschalen der Gerichtssäle sind aus durchbrochenem Weissbeton, vorgefertigten, dreieckigen, gegeneinander gedrehten Elementen, zusammengesetzt, die miteinander vergossen sind. Die Konzeption des ornamentalen Musters war eine Zusammenarbeit mit den Architekten Gramazio & Kohler aus Zürich. Für die Herstellung der Kuppelschalen wurden digitale Entwurfs- und Fabrikationsprozesse eingesetzt. Der Neubau wurde als Edelrohbau in Weissbeton konzipiert.

Zertifikat
Bestehendes Gebäude: MINERGIE ®, Neubau: Minergie-P-Eco ®

Publikation
Hochparterre 5/14 , Bauen in Beton 2015/15, Casabella 05/2014, AIT 12/2014
Architektur-Jahrbuch 2016 der Schweizer Baudokumentation


Situation Bundesstrafgericht Bellinzona von Gramazio & Kohler GmbH
Situation
Erdgeschoss Bundesstrafgericht Bellinzona von Gramazio & Kohler GmbH
Erdgeschoss
1. Obergeschoss Bundesstrafgericht Bellinzona von Gramazio & Kohler GmbH
1. Obergeschoss
2. Obergeschoss Bundesstrafgericht Bellinzona von Gramazio & Kohler GmbH
2. Obergeschoss
Längsschnitt Süd-Nord Bundesstrafgericht Bellinzona von Gramazio & Kohler GmbH
Längsschnitt Süd-Nord
Querschnitt Ost-West Bundesstrafgericht Bellinzona von Gramazio & Kohler GmbH
Querschnitt Ost-West
Ansicht Ost Bundesstrafgericht Bellinzona von Gramazio & Kohler GmbH
Ansicht Ost
Ansicht Nord Bundesstrafgericht Bellinzona von Gramazio & Kohler GmbH
Ansicht Nord
Ansicht Süd Bundesstrafgericht Bellinzona von Gramazio & Kohler GmbH
Ansicht Süd
Ansicht West Bundesstrafgericht Bellinzona von Gramazio & Kohler GmbH
Ansicht West
Detailschnitt Kuppel Bundesstrafgericht Bellinzona von Gramazio & Kohler GmbH
Detailschnitt Kuppel